Die Magie von Mailand: Wo Spitzensport und Tanz aufeinandertreffen
Wenn ich mir die Bilder aus Mailand ansehe, sehe ich mehr als nur Eisschnellläufer, die um Gold kämpfen. In meinen dreißig Jahren als Tänzerin und Expertin bei Miss Salsa habe ich gelernt, dass jede Bewegung, ob auf einem Holztanzboden oder auf spiegelglattem Eis, eine Form von Kunst ist. Die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo fühlen sich dieses Jahr besonders speziell an. Die Stadt der Mode und des Designs bildet die perfekte Kulisse für eine Athletin, die in den letzten Jahren ihre eigene, äußerst komplexe Choreografie schreiben musste: Suzanne Schulting.
Die Nachricht, dass Suzanne wieder voll mit dem Shorttrack-Team in der Milano Ice Skating Arena trainiert, nachdem sie sich zuvor auf die Langbahn konzentriert hatte, berührt mich. Es ist die Geschichte einer Tänzerin, die nach einer schweren Verletzung ihre Spitzenschuhe wieder anzieht und entdeckt, dass die Bühne immer noch auf sie wartet. Doch der Weg dorthin war alles andere als eine fließende Bewegung.
Das Comeback: Scherben aufheben und neu beginnen
Suzanne Schulting ist nicht nur irgendein Name in der Sportwelt; sie ist ein Phänomen. Nach einer schweren Zeit mit einem Knöchelbruch und einer Operation stand sie vor einer enormen Herausforderung. In einem aktuellen Bericht der NOS wurde deutlich, dass sie sich nun wirklich die Staffel (die Relay) zum Ziel gesetzt hat. Das ist interessant, denn die Staffel ist im Grunde der Gruppentanz des Shorttracks. Es geht um Timing, blindes Vertrauen und eine fehlerfreie Übergabe.
Ihre Rückkehr zum Shorttrack-Team am 11. Februar kam zu einem belasteten Moment. Das Team war nach einem dramatischen Sturz von Xandra Velzeboer in der Mixed-Staffel angeschlagen, wodurch eine sicher geglaubte Medaille in Rauch aufging. Suzanne betrat das Eis, nicht nur als Läuferin, sondern als die erfahrene Kraft, die hilft, die 'Scherben aufzuheben'. Das erkenne ich so gut aus der Tanzwelt wieder: Wenn eine Choreografie während eines Auftritts schiefläuft, braucht man diesen einen erfahrenen Tänzer, der die Gruppe wieder in die Spur bringt und den Fokus wiederherstellt.
Die Technik der Kurve: Eine technische Analyse
Aus meiner Expertise heraus betrachte ich Schultings Technik oft mit 'Tanz-Augen'. In letzter Zeit gab es viel Diskussionen über ihre Form. Analysten merkten an, dass ihre Kniewinkel nicht optimal waren und dass die Aggressivität in ihren Stößen nicht immer in pure Geschwindigkeit umgesetzt wurde. Für einen Laien mag das wie Detailkritik klingen, aber für uns Tänzer ist dies der Kern. Wenn der Kniewinkel nicht stimmt, verliert man seine 'Erdung' (Grounding). Die Kraft fließt weg, anstatt dass man das Eis (oder den Boden) nutzt, um sich abzustoßen.
In den Kurven des Shorttracks sieht man den ultimativen 'Übersteiger'. Es ist eine Schrittfolge, die wir auch aus dem Salsa kennen, aber bei einer Geschwindigkeit von fünfzig Kilometern pro Stunde. Suzanne gab nach ihren ersten Trainingseinheiten in Mailand an, dass sie sich vor allem wieder an diese extreme Höchstgeschwindigkeit gewöhnen muss. Die Technik, das tiefe Sitzen und das Anschneiden der Kurve fühlten sich jedoch sofort wieder 'natürlich' an. Das ist das Muskelgedächtnis, von dem ich oft spreche; wenn man etwas zehntausendmal richtig gemacht hat, findet der Körper den Weg zurück, selbst nach einer langen Pause.
Drama und Triumph: Die menschliche Seite der Spiele
Die Olympischen Spiele sind immer eine emotionale Achterbahnfahrt, und Mailand 2026 bildet da keine Ausnahme. Wir sahen Joep Wennemars, Suzannes Partner, der auf den 1.000 Metern durch eine dramatische Kreuzung eine Medaille verpasste. Das ist die harte Seite des Sports: Eine falsche Einschätzung und jahrelange Arbeit sind vorbei. Auf der anderen Seite gab es die Silbermedaille für Jenning de Boo. Die Geschichte, dass er an diesem Nachmittag seine Schlittschuhe verloren hatte – sie lagen anscheinend noch im Bus – ist typisch für die Spannung hinter den Kulissen. Ich habe auch schon Tänzer erlebt, die kurz vor einer Show ihre Schuhe nicht finden konnten. Die Panik ist echt, aber der Fokus, den man danach finden muss, um dennoch eine Spitzenleistung abzuliefern, das macht einen echten Profi aus.
Und dann war da noch der Eistanz, der Sport, der meinem Herzen am nächsten liegt. Das französische Paar Guillaume Cizeron und Laurence Fournier Beaudry holte Gold mit einem Kürtanz, der so fließend war, dass man vergaß, dass sie auf Kufen standen. Besonders die Hommage an Vincent van Gogh durch das kanadische Paar Piper Gilles und Paul Poirier (Bronze) war ein künstlerischer Höhepunkt. Es zeigt, dass es beim Sport nicht nur um Zahlen und Zeiten geht, sondern darum, ein Gefühl zu vermitteln. Das ist genau das, was auch Suzanne Schulting tut: Sie läuft mit einer Intensität, die man bis ins Wohnzimmer spürt.
Was wir als Tänzer von Suzanne lernen können
Es gibt ein paar konkrete Lektionen, die ich aus Suzannes Weg nach 2026 ziehe und die ich jedem Tänzer in meinem Studio mitgeben möchte:
- Resilienz ist ein Muskel: Nach einer schweren Verletzung zurückzukehren, erfordert mehr als nur körperliches Training. Es erfordert die mentale Kraft zu akzeptieren, dass man wieder bei den Grundlagen anfangen muss.
- Spezialisierung vs. Breite: Suzanne entschied sich erst für die Langbahn und kehrte dann zum Shorttrack zurück. In der Tanzwelt sieht man das auch: Manchmal muss man einen anderen Stil erkunden, um seinen Basisstil wieder mit frischen Augen zu betrachten.
- Die Kraft der Gruppe: Ihr Wunsch, die Staffel zu laufen, zeigt, dass selbst die größten Einzelsieger sich nach der Verbindung mit einem Team sehnen. Gemeinsam etwas Schönes zu schaffen, gibt eine Befriedigung, die man alleine nicht erreichen kann.
Blick in die Zukunft: Der Weg zur Staffel
Die kommenden Tage werden für Suzanne entscheidend sein. Die Teamstaffel ist für Mittwoch, den 18. Februar, geplant. Es wird ein Moment der Wahrheit. Kann sie ihre enorme Erfahrung einsetzen, um die jungen Talente wie Xandra Velzeboer auf ein höheres Niveau zu heben? Ich habe vollstes Vertrauen. Suzanne hat bewiesen, dass sie eine Kämpferin ist, eine 'Performerin', die da ist, wenn das Licht angeht.
In der Zwischenzeit genießen wir weiterhin die anderen Niederländer in Aktion, wie Merel Conijn über 5.000 Meter und die Snowboarder in der Halfpipe. Aber meine Augen werden vor allem auf diese kleine Bahn in Mailand gerichtet sein, wo die spektakulärste Choreografie auf Eis aufgeführt wird. Denn ob man nun eine Dreifachdrehung auf der Tanzfläche macht oder ein entscheidendes Überholmanöver in der Kurve einer Shorttrackbahn: Es geht um diesen einen Bruchteil einer Sekunde, in dem alles stimmt.
Bei Miss Salsa werden wir diese Entwicklungen weiterhin genau verfolgen. Nicht nur, weil wir Sport lieben, sondern weil die Leidenschaft für Bewegung uns alle verbindet. Suzanne, wir schauen dir zu. Mach daraus einen unvergesslichen Tanz.