Der „Mondrian des Tanzes" hinterlässt ein unvergängliches Erbe
Gestern, am 17. Dezember 2025, verstarb der Choreograf Hans van Manen im Alter von 93 Jahren in seinem Haus in Amsterdam.[1] Mit seinem Tod verliert die Niederlande einen ihrer größten Künstler und die internationale Tanzwelt einen wahren Großmeister des zeitgenössischen Balletts.
König Willem-Alexander, Königin Máxima und Prinzessin Beatrix brachten es treffend auf den Punkt: „Nicht im Übermaß, sondern in der Beherrschung zeigt sich der Meister. Spielerisch, leicht und klar ließ er uns die Vollkommenheit in seinen virtuosen Balletten erleben."[1]
Ein kleiner Junge mit großen Träumen
Hans Artur Gerhard van Manen wurde am 11. Juli 1932 in Nieuwer-Amstel, dem heutigen Amstelveen, geboren.[2] Schon als Siebenjähriger tanzte er zu Hause im Wohnzimmer, zwischen den Schiebetüren, zur Musik des Concertgebouw. Er hatte keine Ahnung, wie oder wo man Tänzer werden konnte – der Zirkus schien ihm der naheliegendste Ort.[3]
Ende der vierziger Jahre erhielt er seinen ersten Ballettunterricht bei Sonia Gaskell, die ihn 1951 in ihre Gruppe Ballet Recital aufnahm. Danach tanzte er beim Ballett der Niederländischen Oper und bei Roland Petits Ballets de Paris in Paris, wo er neben Stars wie Zizi Jeanmaire und Hollywood-Ikone Cyd Charisse auftrat. Dort lernte er auch seine große Liebe kennen: den Tänzer Gérard Lemaître.[3]
Revolution in der Ballettwelt
1955 gab Van Manen sein Debüt als Choreograf mit Olé, Olé, la Margarita. Bereits für seine dritte Kreation, Feestgericht, erhielt er den prestigeträchtigen Staatspreis für Choreografie.[4] Es war der Beginn einer Karriere, die mehr als sechs Jahrzehnte umspannen sollte.
Ende der fünfziger Jahre war Van Manen Mitbegründer des Nederlands Dans Theater in Den Haag.[5] Zehn Jahre lang war er dort Co-Künstlerischer Leiter, danach wurde er Hauschoreograf – zunächst beim Het Nationale Ballet (1973-1987), dann wieder beim NDT (1988-2003) und ab 2005 erneut beim Het Nationale Ballet.[4]
Seine Choreografien befreiten den klassischen Balletttänzer aus einengenden Traditionen. In Metaforen (1965) ließ er einen Pas de deux von zwei Männern tanzen – damals als schockierendes Statement empfunden.[6] Das NDT bezeichnet ihn daher auch als „Pionier für die LGBTQIA+-Gemeinschaft und für die Sichtbarmachung der queeren Identität im Tanz".[5]
Der Mondrian des Tanzes
Van Manen erhielt den Beinamen „Mondrian des Tanzes" wegen seiner klaren Strukturen und trügerischen Einfachheit.[2] Er selbst war von dem Vergleich nicht uneingeschränkt begeistert: „Ich möchte mich absolut nicht mit Mondrian auf eine Stufe stellen, auch wenn es durchaus einige Gemeinsamkeiten gibt: Klarheit, Übersichtlichkeit, Strenge und das gemeinsame Ausgangsprinzip ‚weniger ist mehr'."[5]
Sein weltweit meistaufgeführtes Werk ist Große Fuge (1971), zur Musik von Beethoven.[6] Obwohl Van Manen keine Note lesen konnte, war er meisterhaft darin, die Details, Nuancen und Übergänge sichtbar zu machen, die in einer Komposition verborgen liegen.[3]
Insgesamt schuf er mehr als 150 Choreografien, die von über hundert Tanzcompagnien weltweit aufgeführt werden.[4] Er arbeitete mit internationalen Stars wie Rudolf Nurejew, Natalia Makarowa, Anthony Dowell und Diana Vishneva.[4]
Anerkennung und Vermächtnis
Die Preise und Auszeichnungen waren zahlreich: der Erasmuspreis, der Prix Benois de la Danse Life Achievement Award, der Grand Prix à la Carrière, der VSCD-Oeuvrepreis und der Deutsche Musikpreis.[4] 2007 wurde er zum Kommandeur des Ordens vom Niederländischen Löwen ernannt. 2018 erhielt er aus den Händen von König Willem-Alexander die Ehrenmedaille für Kunst und Wissenschaft.[7]
Neben seiner Tätigkeit als Choreograf war Van Manen auch jahrelang als äußerst erfolgreicher Fotograf aktiv. Seine Arbeiten wurden in Buchform veröffentlicht und in internationalen Ausstellungen gezeigt.[7]
Ein unvergesslicher Meister
Ted Brandsen, Direktor des Het Nationale Ballet, beschrieb ihn als „getrieben, leidenschaftlich, endlos neugierig, liebevoll, großzügig, engagiert – der große Choreograf, the king of swing."[8]
Biograf Sjeng Scheijen nannte ihn „den wichtigsten Choreografen der Nachkriegszeit". Bis zum Ende war Van Manen energiegeladen und voller Geschichten.[1]
Für alle, die jemals vom Tanz berührt wurden, für alle, die die Schönheit der Bewegung kennen, ist der Tod von Hans van Manen ein großer Verlust. Doch sein Werk lebt weiter – in jeder Aufführung seiner Ballette, in jedem Tänzer, der seine Choreografien tanzt, und in der grundlegenden Art und Weise, wie er den niederländischen Tanz geprägt hat.
Ruhe in Frieden, Maestro.
Quellen
- NOS (2025). Choreograaf en oud-balletdanser Hans van Manen (93) overleden. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
- TheaterEncyclopedie (2025). Hans van Manen. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
- Nationale Opera & Ballet (2025). In Memoriam Hans van Manen (1932-2025). Abgerufen am 18. Dezember 2025.
- Nationale Opera & Ballet. Hans van Manen – Biografie. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
- Den Haag Centraal (2025). Hans van Manen (1932-2025), de Mondriaan van de dans. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
- Theaterkrant (2025). Hans van Manen overleden. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
- Nationale Opera & Ballet. Hans van Manen Foundation. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
- Winq (2025). Choreograaf Hans van Manen (93) overleden. Abgerufen am 18. Dezember 2025.
Headerfoto: Nationaal Archief / Anefo, via Wikimedia Commons (CC0)